Onkologie ist Hardcore.

Juli 21, 2008

Das Wetter macht mich fertig, meine WG-interne Ms. Frankenstein ist schon wieder am Putzlappen schwingen, aus meinen Boxen klingt FrühachtzigerJahreDarkWave-Wegbereiter Soft Cell und ich schwelge in ungnädiger Lethargie ob meines ersten Arbeitstages auf der neuen Station.

Onkologie. Das klingt doch schon so. Als äße man Tortilla Chips, die zwei Wochen hinter der Heizung gelegen hätten; als röche man zwischen grünem Gras und sommerlichen Brisen aufkommender Passatwinde Ableger von Ozon und Kerosin. Vor Augen hat man eine Station, die grau in grau zu sein scheint, die bevölkert wird von eigenartigen Kreaturen, die selbst Tolkien verwundert hätten. Und von Patienten, die mehr tot als lebendig sind.

Dem stimme ich so zu. Onkologie klingt schlimm. Krebsleiden, Krebsdiagnosen, Krebstherapien, Krebsbehandlungen, Krebsdoktoren und Krebstote sind bestimmt keine schöne Vorstellung.

Ich glaube nicht, am ersten Tag auf der Neuro derart intensiv in die Materie eingeführt worden zu sein: Tumorentfernungen, Mammametastasen, nach außen wuchernde Hautkrebse und Magenblutungen. Eine hinreissende diagnostische Vielfalt zur Früherkennung jeglicher malignen Spielart der Natur.

Die Stationsbelegung besteht meines Erachtens nach hauptsächlich aus Freaks. Dennoch ist allen gemein, dass es außerordentlich freundliche und umgängliche Freaks sind. Ich habe mich eigentlich gar nicht groß anpassen müssen, gemäß der geflügelten Sentenz: Just another freak, in the freak kingdom. Ich habe schnell Freundschaften geschlossen und hätten irgendwo auch nicht-infizierte Nadeln gelegen: ich wäre mit allen bereits Blutsbruder. Dem Himmel sei Dank, dass die Station nicht über saubere Nadeln verfügt, meinte Peter total sarkastisch.

Ich hab ihm zugestimmt.

Nun stehen mir knapp zwei Monate auf der Station bevor. Das entspricht bei einer Wochenarbeitszeit von 5 Tagen pro Woche in etwa 38 Tagen. Das klingt nach sehr viel. Faktisch gesehen ist es sehr viel. Mal sehen, ob ich Anfang September zu einem Eintrag imstande bin. Hoffentlich.

Hinter mir: 1

Vor mir: 37

Es ist wohl meine impulsive Natur, gepaart mit jugendlichem Übermut und dem Stürmen und Drängen dieses spannungsgeladenen Jahres 2008, das mich dazu veranlasst hat, allzu früh der Neurologie den Titel “Holy Hardcoreness” zu verleihen.

Ab nächster Woche werde ich mich - bereits zum zweiten mal in meiner Ausbildung - wieder damit anfreunden dürfen, morgens von Radio-Songs geweckt zu werden, die die Sender sich nicht unterm Tag zu spielen trauen und die Anzeige mir mit 4:35 entgegenblinkt.

Frisch geprägt von der Neuro, von all den Schlaganfällen, den Dauerkathetern und Lumbalpunktionen steh ich Montag morje vor der Tür zur Onkologie, der Krebsstation.

Nebenher bedeutet das aber auch, dass ein kurzer Theorieblock vorüber ist. Gerade mal drei Wochen, in denen wir ein halbes Dutzend Referate von Mittelkursen hörten, eine Klausur schrieben und unsere Kursleitung kein einziges mal sahen. Verdammte Krankheit!

Theorieblock 30.06.2008 - 20.07.08

Toxic Walls - “Zeit zu gehen” von “Ihr seid nicht frei, Ihr glaubt nur dran”

Megaherz - “An Deinem Grab” von “Herzwerk II”

Carl Douglas - “Kung fu fighting” von “Dance the Kung Fu”

Nobuo Uematsu - “To Zanarkand” von “Final Fantasy X - Piano Collection”

Eigentlich bei weitem zu vielschichtig für eine anständige Einordnung in Bezug aufs Genre: Punk, Neue Deutsche Härte, Disco und zeitgenössische Klassik. Aber immerhin kann man mir nicht vorwerfen, ich würde meinen Blick nicht auch nach links und rechts wenden.

Sechs Wochen intensive Arbeit auf der Neuro. Das waren fast sechs Wochen durchgehender Frühdienst. Das waren einundzwanzig Tage Arbeit hintereinander, getrennt durch vier freie Tage. Das waren Lehrzeiten auf höchstem Niveau. Und Arbeiten am Menschen in intensivster positiver und negativer Hinsicht.

Seit heute abend ist der erste Arbeitsblock offiziell beendet.

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich ausdrücken möchte. Die ersten Wochen waren wirklich schwer und schlimm. Die Anforderungen waren beileibe nicht hoch; aber dennoch existierte eine beachtliche Diskrepanz zwischen Soll und Haben im praktischen Arbeiten. Der Umzug der Station führte zu einer weiteren Irritation; zwei Fäkalienräume statt einem zu haben war ein regelrechter Luxus; jetzt mittlerweile Gewohnheit.

Das frühe Aufstehen war, ist und wird weiterhin zum kotzen sein. Kein normaler Mensch ist dazu gemacht, um 4.30 aufzustehen. Soziale Kontakte sind auf ein Minimum reduziert, Nachmittagsnickerchen versucht man, sich weniger spießig zu reden als sie sind, und selbst an freien Tagen darf man es sich nicht leisten, seinen Schlafrhythmus allzusehr zu verändern.

Beachtlich finde ich jedoch die musikalische Entwicklung innerhalb der sechs Wochen: stand die erste Hälfte ausschließlich aus Ambient- und Trance-Kram, so entwickelte sich der Tenor gen zweite Hälfte eher in Richtung Metal.

Praxisblock 13.05.2008 - 29.06.2008

New Order - “Elegia (full version)” vom Album “Low-life”

Chicane - “Saltwater” vom Album “Behind the sun”

Underworld - “Two months off” vom Album “A hundred days off”

Kromlek - “Ode an den Feuergott” vom Album “Kveldridhur”

Joachim Witt - “Jetzt und Ehedem” vom Album “Auf Ewig”

Fazit: Danke für die Station, gut ausgewählt. Danke an das Team, gut angeleitet. Danke an die Patienten, immer schön schwer gemacht. Und danke an die EM-Ich-hupe-bis-nachts-um-zwei-Fans: you´re really true.

Wochenend-Spätdienste

Juni 22, 2008

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Sie sind zum Kotzen.

Man erscheint um halb zwei mittags, hört sich eine ereignislose Übergabe an, sieht die Frühschichtler abhauen in ihren freien Nachmittag und steht dann vor der Misere: Kaffee austeilen, Windeln - Entschuldigung: Inkontinenzhilfen - wechseln, Tabletten zermörsern und den ahnungslosen Patienten unters Alete mischen, bewegungsunfähige Menschen im Bett von einer zur andren Seite schaukeln (Fachterminus: “lagern”) und überhaupt: Sonntag nachmittags ist auf der Arbeit alles suboptimal.

Das Gute an Wochenend-Nachmittagen sind die Anverwandten der Patienten, die auftauchen, im Wege stehen, Fragen stellen, um Extra Milch für den Kaffee bitten und angeblich versehentlich die Notfallklingeln betätigen (”Hoppla, da hatter Onkel Heinz wohl de Knopp mit de Telefon verwechselt. Öntschuldigung!”)

Gegen 18.oo greifen wir uns dann die Bagage und zwingen sie, ihrem invaliden Verwandten das Brot zu schmieren oder den Brei zu füttern. Die meisten lassen sich darauf ein, wohl darum wissend, dass ihr/e geliebte/r Opa/Oma/Papa/Mama sonst nix von dem bösen Pfleger mit dem rotblonden Zopf bekommen würde.

Ich nenne das System “kollegiale Einbeziehung unter Kooperation von Sippe”, kurz K.E.K.S.

Fuktioniert fabelhaft.

Angesichts der dahinschreitenden Zeit meines Praxisblocks auf der neurologischen Station hier in Theresmouth halte ich einen neuen Zwischenstand doch für sinnvoll. Selbstverständlich habe ich es nicht auf die Reihe gebracht, Strichlisten über Patientenwaschungen, geleerte Pinkelenten und eingecremte Dekubita zu führen; ich war einfach zu sehr mit der Arbeit an sich beschäftigt.

Hier können nun mehr nur noch Richtwerte angegeben werden:

Arbeitstag 20

Betten bezogen: ca. 50 - 75

Patienten fallen gelassen: 0,75 (einmal wars echt knapp)

Geplatzte Urinbeutel/ tropfende Katheterschläuche/ volle Windeln auf meiner Kleidung: Ø

Patientenwaschungen (GKW, WB, Dusche, etc.): ca. 30

gewechselte Windeln (sog. Schutzhosen/Inkontinenzhilfen/Pampers): ca. 1

Fütterungen: ca. 5

“Verbrauchte”: 1

Bizarre Einblicke: en masse.

Händedesinfektionen: irgendwo zwischen 75 und 150

Mittlerweile bin ich wirklich glücklich auf der Station. Zu dumm, dass ich zum Examen nicht dort aufschlagen kann.

Da ich meine ganze Einfallskraft für die Facharbeit aufgebraucht habe, kommen hier heute nur ein paar Stichworte. Wer kann, soll sie beieinanderfügen und meine Zerstreutheit erklären. (”kommt den Aufforderungen nicht nach”)

- Apfelschorle von REWE, Marke “ja”, 60% Fruchtgehalt (habs geprüft) = leer

- Brot noch aus der Heimat. Mittlerweile labbrig = muss weg

- heute Schule gehabt. Spätes Aufstehen ist gut. Ich bin für mehr Theorie in der Ausbildung.

- morgen wieder Praxis. Rechne mit dem Schlimmsten (das Schlimmste = Aufstehen zu unmenschlicher Zeit)

- wäre der Mensch zum frühen Aufstehen gemacht, könnten unsere Augen Infrarot sehen. QED

Theorie I

Mai 23, 2008

Zu was Atmosphäre alles in der Lage ist, merke ich mittlerweile - sprich seit Beginn meiner Ausbildung - am eigenen Leib.

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass ich annähernd immer in meinem Umfeld Musik laufen habe. Sei es auf dem Weg in die City, auf der Heimreise im Zug, auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit, sogar wenn ich mir nur einen Döner an der Kampstraße kaufe.

Zu meiner eigenen Überraschung habe ich nun aber entdeckt, dass mein Musikgeschmack - in Bezug auf Songs/Künstler, ja sogar auf ganze Genres - variiert, je nachdem, ob ich mich in einem Praxis- oder einem Theorieblock befinde.
Da ich dieses Phänomen unglaublich spannend finde, werde ich hier nach jedem beendeten Block eine Auflistung der meistgehörten Tracks/ der als einflussstärksten empfundenen Tracks abgeben. Mal sehen, was nach drei Jahren Ausbildung für ein Fazit zu ziehen sein wird, was für eine Entwicklung sichtbar wird.

Theorieblock 01.04.2008 - 12.05.2008

Korpiklaani - “Pellonpekko” aus dem Album “Spirit of the forest”
Transilvanian Beat Club - “Transilvaningen” aus dem Album “Willkommen im Club”
Schandmaul - “Das Seemannsgrab” aus dem Album “Narrenkönig”
Sonata Arctica - “Fullmoon” aus dem Album “Ecliptica”
Megaherz - “Heute schon gelebt” aus dem Album “Herzwerk II”

Edit 10.08.08:
Wie konnte ich das nur vergessen, wie peinlich:
Mike Oldfield - “The tempest” aus dem Album “Music of the spheres”; viel, lange und laut gehört

Nun muss ich mit einer Unwahrheit abrechnen: Frühes Aufstehen setzt keine Endorphine frei. Ich habe es Samstag, Sonntag und heute früh ausprobiert und abgesehen davon, dass sich mein Tagesempfinden verschoben hat (heute muss definitiv Mittwoch sein, erzähl mir nix), hat eine Weckeinstellung auf 4:35 keine berauschende Wirkung.
Meine Station ist voll bis unters Dach, selbst Privatpatienten müssen murrend einen Zimmergenossen aufnehmen. Überall Pinkelflaschen, Katheterbeutel und Invaliden mit einem Lagerungswinkel von max. 35°.
Hurra, wir sind schwerstbehindert.

Ich habe heute miterleben können, wie einem neuen Patienten (V.a. Apoplex) ein Katheter gelegt worden ist. Überraschend; ich dachte ich würde auf die Knie sinken und wimmern, aber es war verdammt interessant. Der Patient hat nicht eine Miene verzogen. Mal schauen, wie es beim Nächsten sein wird, dann vielleicht mal mit einem Patienten ohne Gesichtslähmung.

Schlaganfall-Patienten sind schon ein interessantes Grüppchen. Wiedererlangung bisheriger Fähigkeiten, Bewegungsstörungen, Sprachstörungen… manchmal, wenn alles ruhig ist, hört man aus der Akut-Station einzelne Wortfetzen… “N´gai, n´ha´ghaa, bugg-shoggog, y´hah; Yog-Sothoth, Yog Sothoth…”; aber dann wird alles wieder still.

Neues aus der Neuro

Mai 17, 2008

Ein kurzer Zwischenstand:

Arbeitstag 3
Betten neu bezogen: ca. 15
Patienten fallen gelassen: Ø
Geplatzte Urinbeutel/ tropfende Katheterschläuche/ volle Windeln auf meiner Kleidung: Ø
Patientenwaschungen (GKW, WB, Dsuche, etc.): 2/Ø/Ø
gewechselte Windeln (sog. Schutzhosen/ Inkontinenzhilfen/Pampers): 1
Fütterungen: 1/2
“Verbrauchte”: 1 (noch)
Bizarre Einblicke: 3

Fazit: Die Menge der Händesdesinfektionen nimmt proportional zu der aufgetragenen Arbeit stetig zu.

Neuro ist Hardcore.

Mai 13, 2008

Ein paar Statements zum heutigen ersten Tag auf Station:

# Das Radioprogramm aus meinem Wecker ist um 04:45 ziemlich mittelmäßig.
# Um 04:46 scheint keine Sonne.
# Kaffee schwarz ist das einzige, was den Morgen erträglich macht.

Ein paar Zitate des heutigen Tages:

# “Du bist der Neue?”
# “Weißt Du schon, wo das EEG ist?” - “Nein.”
# “Was meinen Sie, ist das nekrotisch oder nur Schorf?” - “Keine Ahnung, wären wir in der Chirurgie, schnippelten wir schon dran rum.”

Bilanz:
Betten neu bezogen: 6
Patienten fallen gelassen: Ø
Geplatzte Urinbeutel/ tropfende Katheterschläuche/ volle Windeln auf meiner Kleidung: Ø
Patientenwaschungen (GKW, WB, Dsuche, etc.): Ø
“Verbrauchte”: 1
Bizarre Einblicke: 1

Sagen wir, wie es ist: Neurologie ist Hardcore.