Die Autobahnen!

Juli 6, 2008

Autobahnfahrten und ich haben eine sehr vielfältige und ambivalente Beziehung zueinander. Einerseits empfinde ich Reisen auf Autobahnen – speziell wenn ich mit der Maschine unterwegs bin – als angenehm kosmopolitan; man erreicht seine Umgebung schnell und fühlt sich der Welt angeschlossen. An einigen Tagen, an denen alles zu stimmen scheint, habe ich das unbändige Vergnügen, in einen rotglühenden Sonnenuntergang fahren zu dürfen. Dann ist die Sicht vor mir klar, die Straße relativ leer und die angrenzenden Weizenfelder wogen im Wind. Ein Gefühl der Einsamkeit stellt sich ein. Der Himmel scheint greifbar und die Welt übernatürlich schön.  An solchen Tagen ein Biker zu sein ist ein echter Genuss.

Und dann gibt es Tage wie heute.

An dem heutigen Sonntag abend habe ich mein Motorrad endlich aus der alten Heimat in meine neue Wohnstadt gebracht. Der Tank war voll (gefüllt mit dem günstigsten Benzin in meinem Landkreis: 1,55-9 EUR/Liter Super: hui!), ich mit Rucksäcken auf Tank und Rücken gut beladen, die Sicht gut, das Wetter klar. Nach nicht mal zwei Kilometern Autobahn der erste Stau. Verdammte Straßenämter! Schilder erklärten die Bredouille: “Die nächsten SECHS KILOMETER werden sechsspurig umgebaut.” Groß darunter geschrieben, fast als Rechtfertigung “Wir Bauen Für Sie!”

Nach Übertritt ins nächste Bundesland lockerte sich der Stau; eine halbe Stunde Stop&Go sind auch genug. Die wohlige Vibration der Maschine unter mir animierte schon bald meine Blase, sich zu melden. Wehe, schien sie sagen zu wollen, Du vergisst mich. Du weißt, je voller die Blase, desto länger die Staus.

Klugscheißer.

Der nächste Stau kam kurz darauf. Ein kleines Mädchen vom Rücksitz eines Wagens winkte mir zu. Der gefährlich nach Space Marine aussehende Biker winkte zurück und widerstand der Versuchung, den Gashahn groß aufzudrehen. Euphorisch ob dieses Augenblickes wäre ich fast meinem Vordermann – einem polnischen Kleintransporter – hinten rein gefahren.

Meine große Angst galt dem Kamener Kreuz. Dieser Knotenpunkt des Nord-Süd-Verkehrs hatte mich 2006 schon einmal überlistet. Damals musste ich eine Ausfahrt später nehmen und gelangte nur durch eine Portion Glück wieder auf die Gegenfahrbahn.

Diesmal hatte ich keine Schwierigkeiten mit dem Kamener Kreuz: gesehen-gefahren-gemeistert. (”Ich bin der Kreuzmeister. Ich hab das Kreuz gemeistert. Hätte ich jetzt ein Kreuz unter den Füßen, würd ich total drauf  rumtrampeln.”)

Bedauerlicherweise reichte meine Konzentrationsfähigkeit dann aber nicht mehr, um die Ausfahrt nach Theresmouth zu erreichen. Ich verfehlte sie plump und fuhr die halbe Strecke gen Hagen. Über Umwege kam ich dann auf einer Bundesstraße nach Aplerbeck und richtete mich nach den Ausschilderungen “Mitte”.

Panik ergriff mich nochmal, als ich wieder auf eine Schnellstraße geleitet wurde. Die Hoffnungen, Autobahnen hinter mir zu haben, zerfielen zu Staub und ich sah mich schon am Kölner Dom wenden.

Das Ende vom Lied: Ich schaffte es nach Hause nach knappen drei Stunden Fahrt. Einmal verfranst, einmal getankt, einmal nach dem Weg gefragt, ein halbes Dutzend Autofahrer irritiert (ich kanns nicht lassen) und das Bike vor dem Haus stehen gelassen. Morgen kommts in eine anständige Garage in Kliniknähe.

Aber: Die Sonne hat geschienen und der Weizen bewegte sich im Wind. Mal sehen, ob mein Gehirn das eher Richtung Psychose oder Schöne Memorabile einordnet.

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