Nur mal so als kurzes Intermezzo.

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Vor zwei Tagen ist die ePetition gegen den das Sperren und Indizieren von Internetseiten geschlossen worden. In diesen knapp zwei Monaten haben über 134.000 Petenten unterschrieben und bewiesen, dass die Beschneidung des freien Raums Internet ein Anliegen ist, für das es zu kämpfen wert ist.
Während die Petition geprüft wird, werden sämtliche Proteste von Zensur-Gegnern von der Regierung ausgeblendet; trotz der erfolgreichsten Petition in der Bundesrepublik Deutschland und trotz Ansichten diverser Experten, die das Vorhaben als ungeschickt und sinnlos bewerten gibt es bisher keinerlei Signale seitens der CDU/SPD, dass von den Plänen Abstand genommen werden soll.

Das Gesetz soll noch vor der Bundestagswahl im Herbst diesen Jahres verabschiedet werden. Die Proteste, die im Internet ein Aufschrei, auf den Straßen nur geringfügig verminderter mitgeteilt werden, werden anhalten und spätestens bei der Bundestagswahl dafür sorgen, dass nicht mehr nach allgemeinem Parteiprogramm, sondern aus Enttäuschung, Frustration und Rache gewählt werden wird.

Weiterführend:
SZ über die Petition und ihre Folgen
Netzpolitik.org
Spreeblick.com

Heute fanden deutschlandweit tausende frustrierte Schüler, Studenten, Auszubildende und Bildungsverfechter ein perfektes Ventil. Zum ersten mal seit Jahren haben sich Bildungswerke, Dachverbände und Gewerkschaften zusammengeschlossen, um in Deutschlands Städten gegen die vorherrschenden Bildungsverhältnisse zu protestieren.


In Dortmund war Treffpunkt an der Treppe vorm Hauptbahnhof. Um 10 Uhr waren bereits mehrere Tausende Protestanten versammelt. Die Demonstranten zogen vom HBF östlich den Cityring herab und blockierten teilweise beide Fahrtrichtungen. Dutzende Fahnen des DGB, der Antifa und mit Hammer und Sichel-Symbolik wurden geschwungen, nicht weniger Transparente standen in der Luft. Megaphonler sorgten für Sprüche und passende Parolen. Den Anwohnern in den Fenstern wurde entgegengeschrien, herauszukommen und gemeinsam für eine gerechte Bildung mitzumarschieren.
Der Protestzug zog sich südwärts, teilweise auf den Hauptverkehrsadern, teilweise in Parallelstraßen und legte damit Teile der Zugangs- und Durchfahrtswege in die Dortmunder Innenstadt lahm.
Auf der Kreuzung Ostwall/Ruhrallee kam es spontan zu Sitzblockaden mehrerer hundert Demonstranten. Überraschenderweise wurde der Marsch der Tausenden von den ausgebremsten Autofahrern größtenteils positiv aufgenommen, wie Hupkonzerte von PKW und LKW bezeugten.
Der Marsch endete vorerst auf dem Friedensplatz, wo sich die Protestler sammelten. Nachdem der Platz annähernd vollständig gefüllt war, stürmten die Massen das Rathaus und protestierten in der Eingangshalle und von allen vier Ebenen lautstark über die Bildungspolitik. Dabei wurden Flyer und Toilettenpapier geworfen, bis die Halle aussah wie hulle.
Zuletzt wurden vom Vortragswagen Ankündigungen von seitens der Bezirksschülervertretung und von Studentensprechern gehalten, die auf das Ausmaß der Bildungsmisere und die Forderungen der Protestanten hinwiesen.

Der zeitweise über einen Kilometer lange Protestzug lässt mich auf etwa 7.-10.000 Mitwirkende schätzen, die einen bunten Schmelztiegel aus Schülern aller Einrichtungen, Studenten, Gerwerkschaftlern, Lehrern, Eltern und Auszubildenden schufen. Alle mit dem selben Ziel: Dass sie gemeinsam eine Stimme besitzen, die gehört und gefürchtet werden sollte.

Weiterführend:

Nächster Bildungsstreik in Düsseldorf am 20.06.
Elite und Unterschicht
SPIEGEL-Artikel (angenehm zu lesen)


Ich glaube als Kind besitzt man eine verstärkte selektive Wahrnehmung. Je älter ich werde, desto stärker und häufiger fallen mir bröckchenweise Kindheitserinnerungen ein, die sich ihren Weg aus dem Staub und Schmutz all der Jahre hinauf an die Oberfläche der Gegenwart gearbeitet haben.

Nein, Peter, keine Sorge. Heute kommen keine Ergüsse über die Morningshow eines zweitklassigen Privatsenders und auch meine ehemalige Mitbewohnerin, die mir Teile meiner Jugend ausgesogen hat bleibt unerwähnt. Heute geht es um einen bestimmten Song, an den ich mich seit 15 Jahren kontinuirlich erinnern kann und ihn ab dem ersten Mal nachpfeifen konnte.

Bobby McFerrin wurde 1950 in New York City geboren. Er war musisch talentiert und entwickelte sich zum Multiintrumentalisten. Erst in seinen Zwanzigern entwickelte er eine musikalische Karriere; auf Konzerten und Festivals trat er spontanerweise ohne Band auf und improvisierte alles, was fehlte. Diesem Prinzip blieb er weitestgehend treu und lässt heute bei seinen Auftritten eher den Zuschauerraum mitarbeiten.

Sein größter und bekanntester Clou war 1988 der Jazz-/Capella-/Reggae-Hit “Don´t worry, be happy”, mit dem McFerrin im gleichen Jahr drei Grammys gewinnen konnte.

Ich weiß nicht, ob der Song behilflich ist, sich besser zu fühlen, wenn man schlecht drauf ist; aber wenn es einem bereits gut geht, ist er eine wahre Offenbarung.


Edit:
Ich weiß, meine anderthalb Leser jeden Monat werden mich dafür lynchen, dass ich es wage, soviel zu schreiben und meinen Eintrag so lang werden zu lassen, aber das Risiko gehe ich gerne ein.

Da stehe ich im Rewe hinter der Kasse und rufe mir die gute alte Peter Lustig´sche Regel ins Gedächtnis, gekaufte Waren immer schon im Laden auszupacken, weil dort die Wiederaufbereitung und Verwertung ökonomischer und ökologischer ist, stelle mich mit meiner 10er Packung JA!-Klopapier an die Einpacktheke und verteile die einzelnen Rollen in meinem BW-Rucksack; und bekomme nur unverständliche Blicke von den Hausfrauen rings um mich zugeworfen.

Quo vadis, TP?

Drei Wochen

Juni 13, 2009

Hinter mir liegen drei Wochen Urlaub.
Eigentlich kann ich Ferien im Mai und Juni nicht viel abgewinnen; 15 Jahre lang Sommerurlaub in den Hochmonaten prägen einen sehr, zu jeder Autofahrt gehören Staus im Elbtunnel oder Raststätten auf denkwürdig schmutzigen Kloparkplätzen mit Handynummern an den Wänden.

Doch dieses Mal war der Urlaub in der Tat die Form von Auszeit vom (Dortmunder) Alltag, die ich nötig hatte. Der scheinbar einzige Weg, um die Frustrationen, die Überforderung und die allgemeine Abscheu, die ich gegenüber der Stadt, dem Land, meiner Arbeit und den damit verbundenen Menschen verspürte, abzulegen und Energien zu schöpfen.

Allein eine Woche in Hannover mit Sonwaka waren dafür Gold wert. Einen Freund zu haben ist schon etwas ziemlich cooles. Es wird einem die Chance gegeben, sich zwischen nerd und intellektuellem Tiefgang zu entscheiden und die Gedanken fliessen lassen zu können. Ausflüge, Aktivitäten, gutes Essen, romantische Zeiten, ein erquickender Mix.
Dass wir nur eine Woche später für sieben Tage an die Nordsee fuhren, schien gutes zu verheißen. Watt, Friesen, Fisch im Übermaß für zwei Vegetarierer mit Liebe zum maritimen Genuss, Banenenweizen (nicht von Cab), Aufbackbrötchen, immer zwischen den Onkelz und Chicane und ab und an eine Folge Scrubs, selbst mit angeschlossenem Saufspiel (”Okay, immer wenn der Name J.D. fällt gibts einen Schluck Bananenweizen, bei Turk einen Vodka!”). Ein Traum, wenn man Tags drauf einen Bekannten in Jever für ein Brunch besuchen will.

Drei Wochen haben gereicht, um mich scheinbar wieder völlig zu rehabilitieren; meine Aversion gegen die Ausbildung zu mindern und mich mit frischerem Elan in die Zukunft blicken zu lassen.

Wer ist Kim Jong-il?

Juni 13, 2009

Die Zeichen stehen auf Sturm. Eine übergroße orangene Überraschung wird uns eines Morgens statt des Sonnenaufgangs begrüßen. Auch sie wird im Osten aufgehen. Sie wird den Himmel rot färben und mir den Thunfisch-Jahrgang 2009 aus dem Pazifik verderben. Geringe Wahlbeteiligung und Bildungsstreiks werden unsere kleinsten Sorgen sein. Ein kleiner verärgerter Nordkoreaner steht am Beginn einer neuen new world order.

Es wird Zeit, dass wir uns diesem bemerkenswerten Mann einmal etwas Aufmerksamkeit widmen.
In seiner Biografie findet sich über den Tag seiner Geburt folgende Erklärung: “Als Kim Jong-il am 16. Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des Erleuchteten.”
Die CIA CNN hat herausgefunden, dass
K.J.-i. Plateauschuhe tragen soll, um seinen Zwergenwuchs zu kaschieren. Besagte Einlagesohlen sollen gute 12 cm dick sein.
1977 soll der nordkoreanische Friedensbote zwei südkoreanische Schauspieler entführen lassen, um mit ihnen ein zweites Hollywood inmitten des sozialistischen Wohlfahrtsstaats aufzubauen.

Kim Jong-il ist angeblich ein begeisterter Film-Nerd und besitzt etwa 20.000 Videotapes. Laut der Springer-nahen CNN surft er leidenschaftlich im Netz.

In diesem schönen Sinne möchte ich heute dem Geliebten Führer danken, dass er uns mir diesen schönen neuen Tag geschenkt hat und verbleibe mit

HAIL KIM JONG-IL

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Quellen:

http://www.cnn.com/2003/US/01/08/wbr.kim.jong.il/

http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/2821221.stm

http://www.korea-dpr.com/articles-ng/biography-kimjongil.htm

51,03 EUR

Mai 27, 2009

Heute habe ich endlich eine nachhaltige Investition getätigt. Nach Jahren voller unsinniger und spontaner Schwachsinnskäufe, u.a. einen nagelneuen VHS-Recorder 2005, einen Chemiebaukasten zur Isolierung des bösartigen 22.Gens (Hitler hatte zwei davon) und ein Viech namens Bonkers, kann ich heute erste Erfolge verbuchen:
Mein Körper hat seit heute einen Eigenwert. Anders ausgedrückt: würde ich mich morgen selbst in Aktien anlegen, wäre mein Shareholder value gar nicht mehr so beschissen.

Wie kam es dazu?

Nach 16 Monaten Abstinenz führten mich meine hämmernden, temperaturspürenden und bröckelnden Zahnruinen heute vormittag zum Dentisten. Dieser etwa 60-jährige, mit einem Hörgerät versehene Facharzt führte an mir – ohne Nachfrage – eine Zahnsteinentfernung durch und brachte somit schon fünf Minuten nach meinem Platznehmen den schmerzhaftesten, zwickendsten Teil hinter mich.
Die Temperaturempfindlichkeit führte er nicht auf den grotesken Befall von Zahnfäule zurück, wie ich es eigentlich annahm. Er sprach von einem frei liegenden Zahnhals, legte sein Miniaturgebläse an den Zahn, ließ etwas Druckluft ran – zisch, argh – Ja, es ist nur der Zahnhals. Schwester, tragen Sie Fluorid auf.

Der andere bröckelnde Zahl stellte sich als kariösen Befall nahe einer Plombe heraus. Was da vor gut einer Woche herausgebrochen ist, sei dahingestellt. Ich will es nicht mehr wissen. Wichtig für alle Beteiligten war die Frage: “Wollen Sie die Kunststofffüllung oder eine haltbare Keramik-Kunststoff-Füllung mit Selbstkostenanteil?” Eine paraphrasierte Version von “Sind Sie Privat versichert oder bist du Kasse?”

Ich nahm meine rubinbesetzte Brille ab, warf einen Blick auf meine gepflegten exzentrisch blau gelackten Fingernägel und sprach:

Was ist mit Amalgan?

Nein, konkret erfragte ich die Halbwertzeit dieser Verbindung und bekam mit “Schätzungsweise 10 Jahre.” eine ausreichende Antwort, kam auf den Preis dieser 0,8 g in meinem hohlen Zahn zu sprechen und fühlte mich mit 51,03 EUR bestätigt.

Es wurde grünes Licht gegeben, der Doktor las die Quittung und hobelte meine alte Plombe mit Bohrern drei verschiedener Stärken auf. Jetzt, 13 Stunden später, fühle ich die Höherwertigkeit meiner Person, die schiere Blaublütigkeit und die sich aus dem oberen linken 7er ergießende Dekadenz, die sich in meinen Arterien und Venen im Organismus verteilt, ins Gewebe eindringt und mich definitiv zu einem Menschen höherer Kaste macht.

Verfall

Mai 20, 2009

Die schwelende Sonne scheint herab auf den eisernen Hai, der sich durch die grünen Felder schneidet. Mit Geschwindigkeit rast er über seine vorgelegten Bahnen und reist die warme Luft neben sich her. Sein Kurs führt ihn gen Norden, sein Ziel die Kluft zwischen zwei grünen Inseln, die westliche der beiden gekrönt mit einem Denkmal des ehemaligen Kaisers.

Das im Verfall begriffene Land wirkt depressiv und melancholisch. Die brütende Sonne im Rücken brennt und wirft ihe Strahlen hämisch und boshaft hinter uns her. Das Wasser ist trüb und blind, verdreckt und durch Äonen von schwachen Wellen nur noch herumgetriebene Flüssigkeit, die ihren majestätischen Charakter schon lange verloren hat.

Die Zeichen der Zeit leuchten am Horizont, düster und karg, Spiegelbilder gescheiterter Existenzen in einem Land mit einer Zukunft, die sich niemand vorstellen kann.

Freiheit atmen

Mai 14, 2009

In weniger als 25 Stunden betrete ich den CMS Pflegewohnstift Aplerbeck voraussichtlich zum letzten mal. Hoffentlich nie wieder die verteufelte U47 Richtung Aplerbeck betreten, um mit ihr zur Arbeit gebracht zu werden. Niemals wieder die Märtmannstraße entlangschreiten und auf die von leicht dementen Bewohnern aus den Fenstern geschmissenen Inkontinenzeinlagen Rücksicht nehmen.

Niemals wieder ein Pflegeheim betreten, um darin zu arbeiten. Kein bösartiger Bereichsleiter Siggi mehr, der einem mit seiner “Bundeswehr-Ton passt auch in den Pflegealltag”- Manier blöd kommt. Keine Küchen mehr saubermachen, keine Spülmaschinen mehr einräumen. Keine Bewohner mehr, die in den Kellerraum zur katholischen Andacht gekarrt werden müssen. Keine inkompetenten, privattratschenden Apfls mehr, die jedes Augenverdrehen meinerseits als Autoritätsverlust ihrerseits deuten.

Andererseits auch keine (höchstgradig alten) aber liebenswerten Bewohner mehr. Keine Stories mehr über ihre Biographien oder ihre Familien mehr. Kein Lästern über unangemessene Angehörige. Keinen Kaffee mehr (der war echt gut!). Keine dementiell veränderten Bewohner mehr, die häufig genug wie tickende Zeitbomben reagieren können; gerade noch belustigt und gut drauf, dann aggressiv bis zum Latschenwurf. Kein Keksdiebstahl mehr aus der Gebäckdose.

Keine 6h-Nächte mehr. Keine Suizidgedanken mehr. Keine American Dad!-Folgen mehr, die ich jeden Morgen um 05.15 geguckt habe. Kein emotionales Vorbereiten auf die Entsetzlichkeiten des anstehenden Tages. Keine Stephen King-Kurzgeschichten mehr in der Bahn. Keine 6-Tage-Wochen mehr und auch keine 12 Tage mehr am Stück arbeiten.

Aber auch keine Bastelvormittage und auch keine Malstunden mehr. Keine leckeren Säfte (ja, auch die hab ich gemopst! @Heimverwaltung). Keine Lästerstunden mehr bei Frau P. über Siggi.  Keine befreienden 5 Sekunden nach Verlassen des Heims um 14.02 Uhr. Keine Pausenbrote mehr auf der Parkbank.

Was bringt ein Resumee? Woher der Drang, Erlebnisse immer in ein, zwei standardisierte Phrasen zu packen? Wieso kein komplexes, vielschichtiges Erleben von vielen düsteren Tiefpunkten, jedoch auch mit einigen (wenigen) Lichtblicken?

Neurologie war Hardcore.
Onkologie war freak kingdom.
Gerontopsychiatrie ist undankbar. Für alle Beteiligten.

Praxisblock 26.03. – 17.05.2009

Megaherz – “Augenblick” von “5″

New Order – “The perfect kiss” von “Low Life” (perfektionierbar mit der B-Seite “Kiss of Death”)

Obscenity Trial – “All that‘s left” von “Here and now”

Aerosmith – “Pink” von “Nine Lifes”

Depeche Mode – “Zenstation” von “Freelove”

An dieser Stelle noch mein aufrichtiger Dank an X für Nip/Tuck, Y für American Dad!, diversen YT-Usern fürs Hochstellen von Stromberg, Harald Schmidt etc., Stephen King für “Der dunkle Turm”, Sonwaka für die aufopfernde Omnipräsenz, ein großes Dankeschön an sämtliche Helfer in diesen sieben Wochen Härte und ein freundlicher Dank für alle unsympathischen Menschen, die in meinem Leben nur kleine Rollen spielten.